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09.07.2015 Von: Annina Just

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Ahmad Mansour: «Wer selber denkt, ist immun gegen Radikalisierung»


Alexander Heit, Lilo Roost Vischer, Ahmad Mansour und Andreas Cabalzar im Kirchgemeindehaus Erlenbach. F: aj

Was kann die Gesellschaft tun, um Jugendliche vor einer religiösen Radikalisierung zu bewahren? An der Podiumsdiskussion der Reihe «Essen & Ethik» wurde unter anderem diese brisante und hochaktuelle Frage diskutiert.

Mittwoch vergangene Woche stand wieder eine Ausgabe der monatlichen Veranstaltungsreihe «Essen & Ethik» auf dem Programm, und auch dieses Mal erschütterte kurz davor die Schreckensnachricht eines terroristischen Anschlags die Welt. An Aktualität mangelte es der Podiumsdiskussion zum Thema «Koexistenz statt Kampf der Religionen», organisiert von den Reformierten Kirchen Erlenbach und Küsnacht sowie der Katholischen Pfarrei Erlenbach-Küsnacht, auf jeden Fall nicht. Und an illustren Gästen auch nicht. Allen voran Ahmad Mansour. Der Israeli muslimischen Glaubens ist Psychologe und lebt seit zehn Jahren in Berlin. Dort arbeitet er in Projekten gegen Extremismus, unter anderem als Leiter der Anlaufstelle «Hayat», an die sich besorgte Eltern wenden können, wenn sie befürchten, ihre Kinder würden sich radikalisieren. Ausserdem engagiert er sich in der Öffentlichkeit für einen reformierten und demokratiekompatiblen Islam. Mit dieser Mission ist er auch nach Erlenbach zur Diskussionsrunde gekommen.
Neben Ahmad Mansour diskutierten Lilo Roost Vischer, Lehrbeauftragte für Angewandte Ethnologie mit Schwerpunkt Migration und Integration an der Universität Basel und Koordinatorin für Religionsfragen beim Präsidialdepartement des Kantons Basel- Stadt, sowie Alexander Heit, reformierter Pfarrer in Herrliberg und Privatdozent für Systematische Theologie und Ethik an der Universität Basel. Geleitet wurde die Diskussion vom Erlenbacher Pfarrer Andreas Cabalzar.

Islamisten bessere Sozialarbeiter
Doch vorerst gehörte die Aufmerksamkeit alleine Ahmad Mansour – und dieser verstand es, mit einem halbstündigen Referat die gut dreissig Anwesenden zu fesseln.
«Islamisten sind leider momentan die besseren Sozialarbeiter», brachte er das Problem auf den Punkt. Denn sie würden es sehr gut verstehen, die Jugendlichen genau dort abzuholen, wo sie dafür ansprechbar sind, nämlich dann, wenn sie sich in einer persönlichen Krise befänden. «Wenn sie ihnen in diesem Moment Lösungsangebote für ihre Probleme machen und emotionale Nähe schaffen, ist das sehr gefährlich», führte er aus. Zum Beispiel könne dann der «bestrafende Gott», der klare Regeln stellt, eine fehlende Vaterfigur ersetzen. Und eine schwarz-weiss – oder gut und böse – Einteilung der Welt vieles erleichtern.
Wie Mansour sagt, sind es mehrere Faktoren des radikalen Islams, die sehr gefährlich wirken können. Dazu gehört der «Buchstabenglaube», womit er die fehlende kritische Reflexion der Religion und ihrer Schriften bezeichnet, sowie eine Angstpädagogik, die vor allem in Bezug auf das, was nach dem Tod kommt, angewendet wird. «Was ist, wenn die Salafisten doch recht haben? Ich selbst, kann den Gedanken nie ganz loswerden, vor allem wenn ich im Flugzeug sitze und es Turbulenzen gibt», gesteht Mansour auch seine Angst vor einer Bestrafung nach dem Tod.
Weiter gehören die Ablehnung der Neuerung des Islams und die Tabuisierung der Sexualität dazu. Letzteres bezeichnete Mansour als sein «Lieblingsthema». «Die Unmöglichkeit die eigene Sexualität zu entdecken, schafft ein riesiges Gewaltpotenzial. Und dieses wiederum ist einer der Hauptgründe, warum Jugendliche sich dazu entscheiden, auszureissen. » Warum auch viele junge Frauen in den Jihad ziehen, erklärt er mit dem Wunsch nach Gleichstellung von Brüdern und Schwestern oder aber damit, dass viele IS-Kämpfer als Helden verehrt und von Frauen angehimmelt würden. Mit dem Wunsch, einen solchen Mann zu heiraten, ziehen sie dann in den Heiligen Krieg.

Eine Rettung wie bei den Banken
Als einzige Möglichkeit, diesem gefährlichen Mechanismus entgegenzuwirken, bezeichnet Mahmoud die (religiöse) Bildung der Jugend: «Wir brauchen Millionen – wie wir es bei den Banken aufgewendet haben –, um diese Generation zu retten. Wir müssen das Schulsystem reformieren und Räume schaffen, wo einerseits über diese Themen gesprochen werden kann und andererseits Jugendliche lernen, kritisch zu denken, denn wer selber denkt, ist immun gegen Radikalisierung.» Dies sei eine Aufgabe, der sich die Gesamtgesellschaft anzunehmen habe. An diesem Punkt schloss sich dann auch die Diskussionsrunde mit Roost Vischer und Heit an und bestätigte die Aussage Mansours.
«Wer sind die Akteure, die überhaupt die Möglichkeit haben, bis zu den Jugendlichen durchzudringen?», fragte Alexander Heit. Und fügte gleich an, dass es für den Staat aufgrund seiner Religionsneutralität sehr schnell schwer werde. Dann bleibe nur noch die Kirche. Doch Roost Vischer erwiderte: «Es steht dem Staat zwar nicht zu, sich zu religiösen Inhalten zu äussern, aber er hat sehr wohl die Aufgabe, Diskriminierung zu unterbinden und Rechtsnormen durchzusehen.»
In Bezug auf die religiöse Bildung könne und müsse aber einiges getan werden, denn auch sie konnte aus eigener Erfahrung bestätigen, dass diese bei den meisten Problemfällen sehr tief ist. «Schwierigkeiten treten meist nicht bei Jugendlichen auf, die von zu Hause aus viel von Religion mitbekommen haben», erzählte sie. Deshalb könne die Kirche etwas beitragen, indem sie den interreligiösen Diskurs weiterführe. Zudem müssten die Moscheen-Vereine in die Pflicht genommen werden, junge Muslime fundiert auszubilden. In der Stadt Basel sei man kurz davor gestanden, in der Schule einen islamischen Unterricht anzubieten, doch aufgrund einer Schulgesetzrevision sei dieses Projekt wieder gescheitert. «Das war für alle Beteiligten sehr frustrierend.» Denn genau eine solche Normalisierung des Islams brauche es dringend – nicht zuletzt auch, um der Islamfeindlichkeit entgegenzuwirken, denn Salafismus und Islamfeindlichkeit bedingen sich gegenseitig, fuhr sie fort.
Als Cabalzar wissen wollte, was die Frage, ob der Islam für den Terror verantwortlich sei, bei den Diskussionsgästen auslöse, antwortet Mansour: «Es ist einfach nur traurig, dass man die Debatte auf dieser Ebene führt.» Wer sie dort führe? «Beide Seiten, die Unwissenden, die eine einfache Erklärung wollen.» Und damit wären wir wieder bei dem, was dringend nötig ist: bessere religiöse Bildung und mehr Wissen.



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